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Gemeinschafts-Gärten

Gemeinschaftsgärten sind Gärten, die von einer Gruppe von Menschen betrieben werden. Die Definition von Gemeinschaftsgärten wird hier sehr breit gesehen.

In sehr vielen Gemeinschaftsgärten in Österreich gibt es individuelle Beete und einige gemeinsam bewirtschaftete Gemeinschaftsflächen. Auch Werkzeuge und Infrastruktur werden gemeinschaftlich genutzt. In anderen, vor allem internationalen Beispielen wird die gesamte Fläche gemeinschaftlich bewirtschaftet und die Ernte unter den Gärtner*innen aufgeteilt. Neben dem Gärtnern sind die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, das gemeinsame Tun sowie die Mitgestaltung des Stadtteils wichtige Potenziale eines Gemeinschaftsgartens. Gemeinschaftsgärten dienen auch als Orte der formalen und informellen Bildung. (Gartenpolylog, 2019)

Gemeinschaftsgärten können auf öffentlichem oder privatem Grund errichtet werden. Sie haben sowohl in der Größe der Fläche als auch der Anzahl der Nutzer*innen eine große Schwankungsbreite (Mayerhofer, 2018). In Wien gibt es Gemeinschaftsgärten zwischen 120 m2 und 10.000 m2 mit zwischen 10 und 100 Gärtner*innen. (Gartenpolylog, 2019) Der Fokus liegt bisher meist auf dem Anbau einjähriger Gemüse und Kräuter. Auch Beerensträucher und Obstbäume werden bei ausreichend Platz und entsprechenden Rahmenbedingungen gepflanzt. Meist wird in den Gartenregeln festgehalten, dass ökologisch gegärtnert wird. Je nach Möglichkeiten wird im gewachsenen Boden oder in erhöhten Beeten und Pflanzcontainern gegärtnert. 

Die Produktivität hängt sowohl von der Flächengröße und den Anbaubedingungen als auch von der Ausrichtung des Gartens und dem Wissen und Können der Gärtner*innen ab – von ein paar Kräutern für das eigene Essen bis zur Vollversorgung mit Gemüse in der Sommersaison. Der Ertrag wurde von FibL für einen Garten mit unerfahrenen Gärtner*innen mit 0,78 kg Gemüse pro m² berechnet. Mit viel Erfahrung und der Zielsetzung hoher Erträge kann der Durchschnittsertrag aber auch bei 5,1 kg/m² liegen. Auch die CO2-Bilanz von im Garten produziertem Biogemüse ist stark von der Produktionsweise und dem Erfahrungsniveau der Gärtner*innen abhängig. Anfänger*innen-Ernteerträge schneiden sogar im Vergleich zum Supermarkt-Biogemüse entsprechend schlechter ab (Fibl et al, 2021).

Auch die Biodiversität hängt sehr stark von den Nutzer*innen und der Ausrichtung des Gartens ab. Während manche Gärten eigene Blühstreifen anlegen, wilde Ecken entstehen lassen und Kulturpflanzenvielfalt als Ziel haben, werden in anderen eher sauber gejätete Beete mit einigen wenigen Kulturarten und -sorten bevorzugt. Das Potential wertvolle Lebensräume entstehen zu lassen und mit de Bewirtschaftung das Bodenleben und die Pflanzenvielfalt zu fördern ist jedoch in fast allen Gärten gegeben. Je nach Ausrichtung ist der Garten nur den Gärtner*innen und ihren Familienangehörigen zugänglich, mehr oder weniger offen für Besucher*innen oder auch vollkommen öffentlich zugänglich. Die Aufnahme in die Gartengruppe erfolgt in geschlossenen Gruppen, wenn es freie Beete gibt. Bei offeneren Gruppen ist die Teilnahme meist jederzeit möglich. Teilweise gibt auch die Grundstücksüberlasserin (z.B. die Stadt) vor, ob ein Garten für die Öffentlichkeit zugänglich sein soll oder nicht.

Die Gärten sind häufig als Verein organisiert, teilweise auch als lose Gruppe oder sie werden von einer Institution getragen. Die Initiierung erfolgt entweder durch eine Initiativgruppe oder durch eine öffentliche Stelle oder Institution. Langfristig werden die meisten Gärten von Bürger*innen organisiert und erhalten. Zur Nutzung des Gartens gibt es häufig vereinbarte oder inoffizielle Gartenregeln. Diese sind gemeinsam erarbeitet oder vorgegeben. Der Garten kann als Bildungsraum, als Raum für interkulturelle und intergenerative Begegnung genutzt werden. Die Errichtungskosten beinhalten die Adaption des Grundstücks, bis es zum Gärtnern geeignet ist (ev. Austausch der Erde, Herstellung eines Wasseranschlusses, Zaun, Gartenhütte, bei Hochbeeten Materialkosten für die Beete und die Erde) und die Anschaffung von Geräten. Laufende Kosten fallen vor allem für Wasser und eventuell Strom an, sowie für Saat- und Pflanzgut und Ersatz von Geräten. Zwischen den Pachtpreisen gibt es große Unterschiede, je nachdem, wer das Grundstück zur Nutzung überlässt: sie variieren von kostenfreien Nutzungen bis zu einer Pacht von mehreren 1000 € pro Jahr.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen hängen sehr stark vom Grundstück und den Besitzverhältnissen ab. Städtische Grundstücke werden z.B. in Wien nur an Vereine vergeben, während private Eigentümer auch an Privatpersonen oder lose Gruppen verpachten. Die Verträge sind häufig befristet. Der Untergrund gibt auch die Bearbeitung vor. So dürfen über Wasserleitungen, Kanalrohren, Tunneln, etc. keine Grabungsarbeiten mit Maschinen durchgeführt werden und die Grabungstiefe ist streng beschränkt. Ob Bäume gepflanzt werden dürfen, hängt ebenfalls meist vom Grundstücksüberlasser ab. Die Pflege bestehender Bäume sollte klar geregelt sein. Die Errichtung von Bauten wie Gartenhütten ist durch Flächenwidmung und Bauordnung geregelt.

Beispiel 1: Seestadtgarten (Wien/ Ö)

Seestadtgarten

Bild: Katarina Rimanoczy

Konkakt: http://www.gartenpolylog.org/gartenprojekt/seestadtgarten
Läuft seit: 2011

Kurzbeschreibung: Im Verein Seestadtgarten gärtnert jedes Mitglied auf einer ca. 50m² großen Parzelle und kann dort anbauen, was es will. Zusätzlich gibt es Gemeinschaftsflächen und gemeinschaftlich genutzte Werkzeuge und Infrastruktur.

Entstehungsgeschichte:  Der Verein Gartenpolylog wurde von der 3420 Aspern Development AG beauftragt auf der ehemaligen Rollbahn einen Gemeinschaftsgarten zu gründen. Zuerst waren hauptsächlich Menschen aus den umliegenden Siedlungsgebieten Mitglieder. Als die ersten Häuser des Neubaugebietes Seestadt bezogen waren, kamen nach und nach auch Seestädter*innen dazu. 2014 musste der Garten auf Grund der Bautätigkeiten übersiedeln. Seit 2015 wird er von einem eigenständigen Verein getragen.

Zielsetzungen: Zuerst wurde der Garten als Bespielung der Baustelle ins Leben gerufen. Mittlerweile  sind ökologisches Gärtnern, die Förderung der biologischen Vielfalt und ein gutes Miteinander im neuen Stadtteil die Ziele.

Ort und Raum
Der Seestadtgarten liegt im Südwesten der Seestadt und ist 1600 m² groß. Mittlerweile gibt es in der Nachbarschaft zwei weitere Gemeinschaftsgärten. Auf 1350 m² wird im natürlichen Erdreich gegärtnert. Es werden hauptsächlich einjährige Gemüsekulturen gepflanzt und es gibt einige Obstbäume. Bauzaun, Gerätecontainer, Wasseranschluss mit eigenem Subzähler, gemeinsame Werkzeuge und eine Pergola mit Sitzplatz zählen zur gemeinsam genutzten Ausstattung.

Soziales
Der Garten ist als Verein organisiert, der 27 ordentliche und 20 außerordentliche Mitglieder plus Familien zählt. Jede*r hat sein*ihr eigenes Beet, es gibt aber auch Gemeinschaftsflächen und gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur.Der Garten ist ein wichtiger Treffpunkt und eine gute Möglichkeit Leute aus der Nachbarschaft kennen zu lernen und nur für Mitglieder offen. Es gibt keine Vorgaben, wie viel Zeit die Mitglieder investieren. Verpflichtend ist nur die jährliche Mitgliederversammlung. An den gemeinsamen Arbeitstagen ist die Mitarbeit zwar erwünscht aber nicht verpflichtend.

 Diese finden dreimal jährlich statt und sind auch mit gemeinsamem Feiern verbunden. Wer sein Beet intensiver pflegt, erntet auch mehr. Mitglieder der Kerngruppe investieren 6-8 Stunden pro Woche. An der Organisation sind meist einige wenige Mitglieder beteiligt. Andere pflegen mehr oder weniger regelmäßig ihr Beet. Mitglieder sind jetzt vorwiegend Seestädter*innen. Menschen, die nicht im Garten aktiv sind, sind zum jährlichen Tag der offenen Tür und zum Erntedankfest eingeladen. Jede*r kann sich für ein Beet bewerben. Innerhalb der Gartengemeinschaft wird Gartenwissen intensiv ausgetauscht. Mit dem Wissen werden auch Samen, Setzlinge und (Jung-)Pflanzen weitergegeben. Punktuell wird mit den anderen Gartengemeinschaften in der Seestadt kooperiert.

Anbau und Ökologie
Vorwiegend wird Gemüse angebaut und es gibt einige Obstbäume. Der Garten wird ökologisch bewirtschaftet: ohne Unkrautvernichtungsmittel, chemische Schädlingsbekämpfung und chemisch-synthetische Düngemittel. Die Artenvielfalt auf den Beeten wird gefördert. Das ist auch in den Gartenregeln so festgehalten. Es werden fast alle organischen Abfälle aus Küche und Garten kompostiert, sofern sie nicht chemisch belastet sind. Die Anbaumethoden auf den Beeten sind individuell verschieden. Auf einem der Beete werden Bienen gehalten. Die Pflegeintensität hängt von den zeitlichen Ressourcen und Interessen der Mitglieder ab und reicht von täglich bis wöchentlich. Je mehr gepflegt wird, desto besser ist der Ertrag. Vor der Herstellung des Gartens wäre eine tiefgehende Bodenlockerung sinnvoll gewesen, im Betrieb sind keine Maschinen notwendig

Ökonomisches
Kosten: Errichtungskosten und einmalige Investitionen wie Zaun, Wasseranschluss, Gartenhütte, Toilette, Anschaffung von Werkzeug. Erhaltungskosten für Wasser, Saatgut und Pflanzen.

Finanzierung: Es wird ein jährlicher Mitgliedsbeitrag von 40€ und ein einmaliger Beitrittsbeitrag von 50€ eingehoben. Die Fläche wird von der 3420 AG kostenlos zur Verfügung gestellt, ebenso die Infrastruktur und ein WC. Die Ernte wird zur Selbstversorgung mit frischem Gemüse im Sommer, Vollversorgung mit einigen Gemüsearten verwendet.

Rechtliches
Der Garten wurde nur temporär angelegt und musste bereits einmal übersiedeln. Derzeit befindet sich der Garten auf einer Zwischennutzungsfläche. Auf der Fläche ist derzeit ein Baustopp laut §8. Das bedeutet, dass der Bebauungsplan durch die Stadt noch nicht festgelegt wurde. Der Nutzungsvertrag mit der 3420 ist eine Zwischennutzung als Prekariat. Der Vertrag ist befristet und wird immer nur auf 2-3 Jahre verlängert. 

Beispiel 2: Sophiengarten (Wien/ Ö)

Bild: Gartenpolylog

Kontakt: https://sites.google.com/view/sophiengarten/home
Läuft seit: Mai 2017

Kurzbeschreibung: Im Sophiengarten gärtnern Menschen aus der Umgebung gemeinschaftlich in einem geschlossenen und einem offenen Teil des Gartens. Im geschlossenen Teil baut die Gruppe gemeinsam Nutzpflanzen an, im offenen Teil kann jede*r sich beteiligen, pflanzen, pflegen oder einfach nur verweilen. Es werden auch Workshops angeboten und Nachbarschaftsfeste veranstaltet.

Entstehungsgeschichte: Der Sophiengarten wurde 2016 von einer Gruppe engagierter Nachbar*innen auf einem aufgelassenen Spielplatz initiiert. Die Gruppe wurde in der Gründungsphase von der Lokalen Agenda, dem Bezirk und dem Verein Gartenpolylog unterstützt.

Zielsetzungen: Der Sophiengarten soll als öffentlicher Raum zum Experimentieren und Ausprobieren zur Verfügung stehen. Miteinander statt nebeneinander sollen Gegenentwürfe zu Kommerzialisierung, Anonymisierung und Privatisierung gefunden werden.

Ort und Raum
Der 300 m² große Garten liegt zwischen Erdberger Lände und Donaukanal auf der Fläche eines aufgelassenen Kinderspielplatzes. Auf ca. 150 m² wird in Hochbeeten und in aufgeschütteten niedrigen Beeten, sowie in einigen Pflanzcontainern gegärtnert. Die Beete haben Verbindung zum Erdreich. Die Erde in den Beeten wurde zu 100% neu eingebracht und über die MA 48 bezogen. Ein Zaun und Wasseranschluss waren bereits vorhanden. Hoch- und Hügelbeete wurden von der Gruppe gebaut.

Soziales
Die Gruppe ist als Verein organisiert und besteht aus 29 Mitgliedern in der Kerngruppe, zusätzliche 13 in der erweiterten Gruppe. Es sind vorwiegend jüngere Erwachsene mit hoher formaler Bildung Teil der Gartengruppe. Die gemeinschaftliche Bewirtschaftung ist für manche Leute ein Hindernis, Teil der Gruppe zu werden. Es gibt thematische Gruppen, an denen sich alle beteiligen können, die Pflanzgruppe (kümmert sich um die Organisation des Anbaus), die Regenbogengruppe (kümmert sich um das Miteinander in der Gruppe) und die Baugruppe (kümmert sich um Reparaturen, Neuanschaffungen,…). Alle, die möchten, können eine thematische Gruppe gründen. Die Beete werden von der Großgruppe gemeinsam bepflanzt, betreut und beerntet.

Der Garten wurde als Raum für nachbarschaftliche Begegnung gegründet. Ein Teil des Gartens ist der Kerngruppe vorbehalten. Hier wird gemeinschaftlich gegärtnert und die Ernte unter den Mitgliedern aufgeteilt. Es gibt einen wöchentlichen Jour fixe und einen monatlichen Gartenbrunch sowie gemeinsame Pflanz- und Aufräumtage. Der andere Teil des Gartens ist öffentlich zugänglich. Jede*r ist eingeladen, hier zu pflanzen, zu ernten, zu pflegen oder einfach nur Zeit zu verbringen. Die Kerngruppe wendet pro Woche ca. 4-5 Stunden für organisatorische und gärtnerische Tätigkeiten auf. Einfache Gartenmitglieder tragen 1- 5 Stunden pro Woche bei. Immer wieder werden Workshops und Feste veranstaltet, zu denen die Nachbarschaft eingeladen wird. Im Rahmen der Agendagruppe “Nachbarschaft im Grünen” wird mit den anderen Gemeinschaftsgärten im Bezirk zusammengearbeitet. 2019 wurde die Aktion “6 Gärten – 6 Feste” ausgerufen. In jedem der Gärten findet ein Fest statt, zu dem auch alle anderen Gärtner*innen eingeladen sind. Zusätzlich wurde eine Wanderbaumallee für den dritten Bezirk organisiert.

Anbau und Ökologie
Vorwiegend werden Gemüse und Kräuter angebaut, die meisten einjährig. Es wird biologisch und naturnah gegärtnert. Der Fokus liegt auf Artenvielfalt der Kulturpflanzen und Blühpflanzen für Bienen. Zu Beginn gab es auch ein eigenes Wildblumenprojekt einer Gärtnerin. Ein Imker hat Bienenstöcke im geschlossenen Teil des Gartens aufgestellt. Zum Materialtransport sowie zur Lieferung der Erde waren größere Lieferfahrzeuge notwendig. Die Beete wurden mit Hilfe von elektrischen Handwerkzeugen gebaut.

Ökonomisches
Kosten: Der Zaun war bereits vorhanden, Beete und Möbel wurden zum Großteil aus recyceltem Material gebaut. Erde war eine der Hauptinvestitionen zu Beginn. Erhaltungskosten setzen sich aus Kosten für Pacht, Wasser, für Saatgut und Pflanzen zusammen.

Finanzierung: Die Infrastruktur im öffentlichen Teil wurde über eine Förderung der lokalen Agenda (Grätzloase) sowie über das Preisgeld eines Wettbewerbs finanziert und im Rahmen von öffentlichen Workshops gebaut. Infrastruktur im Gruppenteil wurde durch Materialspenden und Beiträge der Gärtner*innen aufgebracht. Die Ernte wird zur Selbstversorgung verwendet. Einige Gemüsearten gibt es in größeren Mengen, einige Arten eher zum Naschen und Honig in kleinen Mengen.

Rechtliches
Der Pachtvertrag mit der MA 42 wird auf jeweils ein Jahr abgeschlossen, es wurde aber bereits ein längerfristiger Vertrag in Aussicht gestellt. Die Fläche ist als Parkanlage gewidmet.

Beispiel 3: Wilde Rauke (Wien/ Ö)

Bild: Gemeinsame Landwirtschaft Wilde Rauke

Kontakt: www.wilderauke.at
Läuft seit: 2013

Kurzbeschreibung: Die Wilde Rauke ist eine gemeinschaftliche Landwirtschaft am Stadtrand von Wien. Die gesamte Fläche wird gemeinschaftlich bepflanzt und biologisch bewirtschaftet. Die Ernte wird unter den Mitgliedern aufgeteilt. Der Fokus des Projekts liegt auf Selbstversorgung.

Entstehungsgeschichte: Nach der Organisation einer Infoveranstaltung im Jahr 2012 sammelten sich immer mehr Interessent*innen für das Projekt. Nach längerer Suche fand sich im April 2013 eine geeignete Fläche in Floridsdorf, um die bereits entwickelten Ideen umzusetzen.

Zielsetzungen: Die Umsetzung biologischer Landwirtschaft und des Konzepts der Ernährungssouveränität um globalen Problemen auf lokaler Ebene zu begegnen. Im Sinne von Regionalität („Die Kraft der Nähe“) und Saisonalität ist es der Gruppe wichtig, Nahrung dort herzustellen, wo sie gegessen wird bzw. Nahrung dort zu essen, wo sie gerade geerntet wurde. 

Ort und Raum
Die 1 ha große Fläche liegt am Rand eines Siedlungsgebiets mit Nachbarschaft zu Äckern. Auf 3000 m² wird Gemüse angebaut, auf 1500 m²  wurde eine Streuobstwiese angelegt und 4000 m² wird Mulchmaterial für die Gemüsebeete produziert. Auf der Fläche wurden eine Gerätehütte mit Solaranlage, ein Brunnen mit Wasserpumpe, eine Bewässerungsanlage und ein Zaun errichtet.

Soziales
Der Verein hat 22 Mitglieder. Diese Form des Gärtnerns erfordert ein hohes zeitliches, ideelles und finanzielles Commitment. Menschen mit geringen finanziellen und/oder zeitlichen Ressourcen werden eher abgeschreckt. Bisher sind vor allem Menschen mit höherem formalen Bildungsstand und höherem Einkommen am Projekt beteiligt. Die meisten Mitglieder sind mittleren Alters. Die Verantwortung wird in verschiedenen Arbeitsgruppen aufgeteilt. Zu den wöchentlichen Feldtagen kommen so viele Mitglieder wie möglich um gemeinschaftlich zu arbeiten und zu ernten. Dazwischen haben die Mitglieder jederzeit freien Zugang. Es gibt Gemeinschaftsflächen und Kinderspielflächen. Der gemeinschaftliche Anbau und die verschiedenen Arbeitsgruppen bieten viele Möglichkeiten für Austausch und Interaktion.

Die Fläche wird gemeinschaftlich von der Gruppe der Gärtner*innen genutzt. Zu den wöchentlichen Feldtagen steht die Fläche auch Interessierten und Besucher*innen offen. Diese sind auch zur Mitarbeit eingeladen. Zu Beginn waren für Planung und Organisation 15-20 Stunden pro Woche von 1-2 Personen notwendig. Die Mitglieder investieren mindestens 4 Stunden pro Woche in gärtnerische Aktivitäten. Mitglieder übernehmen Verantwortung für einzelne Kulturen und eignen sich Wissen darüber an. Bei diesen Spezialist*innen können andere in die Leere gehen und im nächsten Jahr selbst Verantwortung für diese Kultur übernehmen. Durch Zusammenarbeit mit Schulen, Kindergärten und einer Einrichtung für arbeitslose Jugendliche wird auch hier Wissen und Begeisterung weitergegeben. Kooperiert wird mit einem Bauern aus der Umgebung zum Mähen der Mulchflächen und mit einem Pferdebetrieb, der Pferdemist abgibt.

Anbau und Ökologie
Kulturen: Gemüse, Obst und Kräuter. Es wird im natürlichen Erdreich gepflanzt. Die Gemüseflächen sind vorwiegend mit einjährigen Gemüsen und Kräutern bepflanzt, die Streuobstwiese sowie Beerensträucher mehrjährig. Die Fläche ist  biozertifiziert. Es wird mit Fruchtfolge und Mischkultur gearbeitet, selbst Mulchmaterial angebaut und Kompost hergestellt und Pferdemist als externer Dünger bezogen. Das swoei schonende Bodenbearbeitung sollen die Bodenfruchtbarkeit fördern und erhalten. Saatgut wird von der Anbaugruppe gemeinschaftlich bestellt. Auf Nutzpflanzendiversität wird Wert gelegt. Die Wildblumenwiese unter den Obstbäumen dient als Bienenweide. Pflegintensität: täglich bis wöchentlich, intensiv. Maschineneinsatz: Motorsense und Mulchmäher werden zur Pflege der Flächen genutzt.

Ökonomisches
Kosten: Errichtungskosten und einmalige Investitionen fielen vor allem für Zaun, Hütte, Wasserpumpe und Solaranlage an. Bei den Kosten im Laufenden Betrieb ist die Pacht von 2240€ pro Jahr der größte Faktor, weiters fallen Kosten für Saatgut, Wasser, Werkzeuge und Benzin an.

Finanzierung: Durch Mitgliedsbeiträge (220€/Jahr) und Einstiegsbeiträge (700€). Die Ernte ermöglicht eine vollständige Selbstversorgung mit Gemüse von Mai bis Oktober. Einige Überschüsse werden eingelagert bzw. konserviert.

Rechtliches
Die Nutzung wird über Pachtverträge mit der MA 49 (befristet) und einem Landwirt geregelt. Der hohe Pachtpreis von 0,48€/m² für die Fläche der MA 49 wird als Hindernis gesehen. Die Fläche liegt im Schutzgebiet Wald- und Wiesengürtel

Beispiel 4: Tigergarten (Wien/ Ö)

Bild: Dietmar Sedelmaier

Kontakt: http://www.gartenpolylog.org/gartenprojekt/tigergarten
Läuft seit: 2012

Kurzbeschreibung: Der Tigergarten besteht aus 7 Hochbeeten und einigen Töpfen und Blumenbeeten auf einer kleinen eingezäunten Fläche am Tigerpark. Es gärtnern 25 Parteien auf ihren individuellen Beeten und im Gemeinschaftsbeet.

Entstehungsgeschichte: Der Tigergarten wurde von einer Lokalen Agenda Gruppe des 8.Bezirks gegründet. Kurz darauf wurde auch der Pfeilgarten in unmittelbarer Nachbarschaft ins Leben gerufen.

Zielsetzungen: Der Tigergarten wurde mit dem Ziel gegründet, öffentliche Grünflächen im Bezirk zu schaffen und zu betreuen. Jedes Jahr sollen sich neue Interessent*innen am Garten beteiligen können.

Ort und Raum
Der Tigergarten liegt im dicht verbauten Gebiet im 8. Wiener Gemeindebezirk und ist einer der kleinsten Gärten Wiens. Auf 120 m² stehen 7 Hochbeete mit insgesamt 36 m², davon ein gemeinschaftliches Kräuterbeet und ein Gemeinschaftsbeet. Zusätzlich gibt es 9m² Blumenbeete und Blumentöpfe. Im Garten wächst ein Apfelbaum. Es gibt eine Kiste für Gartengeräte, einen Wasseranschluss, den Zaun und zwei Kompostbehälter.

Soziales
25 Gärtner*innen und ihre Familien gärtnern im Tigergarten. Ein Koordinationsteam der Agendagruppe Tigerpfeilgarten organisiert und verwaltet die beiden Gärten. Das Gärtnern ist der Gartengruppe vorbehalten. Der Garten ist jedoch täglich von 9 -18.00 Uhr für alle geöffnet.  Da der Garten sehr klein ist, gibt es nur eine beschränkte Anzahl von Beetplätzen. Ziel ist jedoch, möglichst vielen Menschen im Bezirk das Gärtnern zu ermöglichen. Durch ein Rotationsmodell wird jede Saison ein Drittel der Beetplätze an neue Interessent*innen vergeben. Es werden auch verschiedene Veranstaltungen für die Nachbarschaft angeboten.

Es gibt einen Workshop pro Jahr zu einem bestimmten Gartenthema. Pro Monat wird ein Gartenbrief zu saisonalen Gartenthemen versandt (Was kann gerade gepflanzt werden? Was ist im Gemeinschaftsteil zu tun?). Ein Teil des Gartenbriefs wird auch auf die Gartenpinnwand gehängt. Daneben ganz kurz und knapp wechselnde Notizen auf einer Kreidetafel – auch auf der Pinnwand. Zusätzlich werden Informationen zu Organisatorischem per e-mail versandt. Die Gärtner*innen wenden durchschnittlich 1-2 Stunden pro Woche für die Gartenarbeit auf. Die Organisator*innen bis zu 5 Stunden pro Woche für Organisation und praktische Gartenpflege. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit dem benachbarten Pfeilgarten, bei Workshops und Festen sind auch die Gärtner*innen des Albertgartens eingeladen. Manche Gartenwerkzeuge werden gemeinschaftlich genutzt. Mit der lokalen Agenda Josefstadt und dem Bezirk wird ebenfalls zusammengearbeitet. Seit 2019 gibt es auch ein kleines Zusatzprojekt. Der Garten betreut ein 18 m² großes offenes Beet mit Nutz- und Blühpflanzen auf dem Dach einer Tiefgarage. Dabei wird der Garten finanziell vom Garagenbetreiber unterstützt.

Anbau und Ökologie
Kulturen: Gemüse, Kräuter und Blumen, ein Apfelbaum. Es wird in Hochbeeten mit Anschluss zum natürlichen Erdreich gegärtnert. Es soll möglichst biologisch gegärtnert werden, d.h. besonders Torf, chemische Dünger, und (Schnecken-)Gifte vermieden werden. Die Anbaumethoden werden individuell gewählt. In mehreren Gartenbriefen des Jahres wird auf die Wichtigkeit von Blühpflanzen / insektenfreundlichen Pflanzen hingewiesen (auch und besonders zwischen Gemüse) und die jeweils zu pflanzenden und zu säenden aufgelistet. Auch auf die Wichtigkeit der Artenvielfalt und Kulturpflanzenvielfalt wird hingewiesen.

Ökonomisches
Kosten: Zu Beginn wurden Hochbeete und Zaun errichtet und Erde eingekauft. Im laufenden Betrieb fallen Kosten für Pacht, Wasser, Saatgut und Pflanzen an.

Finanzierung: durch Mitgliedsbeiträge (24€/Jahr). Der Beitrag zur Selbstversorgung wird als sehr niedrig eingeschätzt, da jede Partei nur auf 1,7 m² gärtnert. Zusätzlich werden die Beete zum Teil auch mit Blumen und Wildbienenpflanzen bepflanzt. Die Ernte wird oft nur zum Naschen vor Ort oder als Beitrag für das Gartenfest verwendet. Kräuter, Rucola und Tomaten werden in größeren Mengen geerntet.

Rechtliches
Es gibt eine Nutzungsvereinbarung mit der MA 42. Der Vertrag ist derzeit auf 5 Jahre befristet. Die Fläche ist als Parkanlage gewidmet.

Beispiel 5: Kraut und Blüten (Wien/Ö)

Bild: Kraut & Blüten facebook

Kontakt: https://de-de.facebook.com/krautundblueten/
Läuft seit: 2018

Kurzbeschreibung: Kraut und Blüten ist ein gemeinschaftlich bewirtschafteter Garten in der Seestadt mit derzeit 14 Mitgliedern. Der Garten bietet neben den Anbauflächen auch viel Platz zum Austausch und zum Spielen.

Entstehungsgeschichte: Der Garten wurde im Frühling 2018 vom Stadtteilmanagement initiiert und in der Entstehung unterstützt. Die gemeinschaftliche Bewirtschaftung war dabei von Anfang an vorgegeben. Ca. die Hälfte der Interessent*innen ließ sich von diesem System abschrecken und wollte dann nicht mitmachen. Das Feld stand erst im Mai zur Verfügung und erst im Juni waren Zaun und Wasseranschluss hergestellt und es konnte richtig begonnen werden.

Zielsetzungen: Der Gemeinschaftsgarten hat es sich zur Aufgabe gemacht die Seestadt Aspern noch ein bisschen grüner zu machen und nachbarschaftliche Strukturen zu fördern.

Ort und Raum
Der Garten liegt im Südwesten der Seestadt neben zwei weiteren Gemeinschaftsgärten und hat 1000 m².  2018 wurde auf der Hälfte der Fläche angebaut, die Anbaufläche soll mit zunehmender Mitgliederzahl vergrößert werden. Wasseranschluss, Zaun und Gartenhütte wurden neu errichtet.

Soziales
Der Verein besteht aus 14 Mitgliedern plus Familien. Die Mitglieder haben vorwiegend akademischen Hintergrund, einige Jungfamilien sind dabei. Alle übernehmen gemeinsam Verantwortung für den gesamten Garten. Jedes Gruppenmitglied ist für eine Gemüsekultur verantwortlich. Jedes Mitglied hat einen fixen Wochentag an dem es Gießdienst hat. Es gibt eine Gartenleitung, die für die Koordination zuständig ist. Begegnungen zwischen den Gärtner*innen passiert vor allem bei den gemeinsamen Arbeitstagen und Besprechungen. Gartentreffen finden ca. einmal pro Monat statt. Der Garten ist nur für Mitglieder geöffnet. Am Tag der offenen Tür kommen vor allem Freund*innen und Bekannte der Mitglieder. Wissen wird vor allem im gemeinsamen Tun weitergegeben. Kulturverantwortliche schreiben teilweise auch über die interne Gruppe aus, wenn sie einen bestimmten Arbeitsschritt vornehmen und laden ein dabei zu sein und zu lernen. Die Gärtner*innen wenden ca. einen Vormittag pro Woche für den Garten auf. Zusätzlich gibt es zwei gemeinschaftliche Arbeitstage pro Monat. Der Garten wird sowohl organisatorisch als auch mit Gartenwissen vom Stadtteilmanagement unterstützt. Die Errichtungskosten wurden mit Hilfe eines finanziellen Vorschusses durch das Stadtteilmanagement bestritten.

Anbau und Ökologie
Kulturen: Gemüse, Kräuter und Erdbeeren. Es wird direkt in der Erde nach biologischen Grundsätzen gegärtnert. Die Beete wurden mit Hilfe einer Bodenfräse angelegt. Mischkultur und Fruchtfolge sowie Permakultur kommen zur Anwendung. Ein Teil der Fläche (ca. 150 m²) wird nicht kultiviert und wild wachsen gelassen. Diese Fläche bietet einen Rückzugsort für Insekten.

Ökonomisches
Kosten: Die Errichtungskosten beliefen sich auf insgesamt  4.500€ für Wasseranschluss, Zaun und Pro Jahr werden ca. 500€ für Saatgut ausgegeben.

Finanzierung: Für die Errichtung wurde vom Stadtteilmanagement ein Kredit gewährt, der nun in jährlichen Raten abbezahlt wird. Das Geld dafür wird durch Einstiegsbeiträge (250€/Mitglied) und Mitgliedsbeiträge (80€/Jahr) aufgestellt. Die Fläche wird von der 3420 Aspern Development AG kostenlos zur Verfügung gestellt. Da der Verein alle Errichtungskosten selbst tragen muss, sind die Einstiegs- und Mitgliedsbeiträge im Vergleich zu den anderen Gärten im Umfeld relativ hoch. Das hemmt andere Interessierte Mitglied zu werden. Von Mai bis Oktober reicht die Ernte für eine Selbstversorgung mit einigen Gemüsearten wie Paradeiser, Zucchini und Paprika. Die Konsumersparnis beträgt 200-300€ pro Partei und Saison.

Rechtliches
Es gibt eine Nutzungsvereinbarung mit der 3420 Aspern Development AG. Die Fläche wurde als Zwischennutzung vergeben und hat einen Prekariumsvertrag. Auf der Fläche ist derzeit ein Baustopp laut §8. Das bedeutet, dass der Bebauungsplan durch die Stadt noch nicht festgelegt wurde. Es ist nicht erlaubt, auf der Fläche Bäume zu pflanzen.

Quellen:

Fibl et al (2021): Essbare Seestadt. Endbericht Forschungsprojekt, Wien.

Gartenpolylog: Gemeinschaftsgärten http://www.gartenpolylog.org/gemeinschaftsgaerten

Gartenpolylog: Gartenkarte http://www.gartenpolylog.org/gartenkarte 

Mayrhofer, Rita (2018): Co-Creating community gardens on untapped terrain – lessons from a transdisciplinary planning and participation process in the context of municipal housing in Vienna in Local Environment The International Journal of Justice and Sustainability Volume 23, 2018 – Issue 12. online unter: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13549839.2018.1541345